Frameworks ohne Inhalt — die Krise der Design-Methodik
Die Strategieliteratur quillt über vor neuen Frameworks. Die meisten von ihnen erklären weniger, als sie versprechen. Eine Polemik, die zugleich eine Frage aufwirft: Was wäre stattdessen ein gutes Framework?
Wer in den letzten zehn Jahren in einer halbwegs gut sortierten Strategie- oder Designagentur gearbeitet hat, kennt das Bild: ein Whiteboard, darauf ein neues Diagramm — Kreise, Pfeile, Quadranten, ein Akronym oben drüber. „Das ist unser Framework.” Wenige Wochen später hängt dort ein anderes. Und dann ein drittes. Frameworks scheinen die universelle Währung methodischer Glaubwürdigkeit geworden zu sein, und genau darin liegt das Problem.
Drei Symptome
Erstens: Die meisten Frameworks heutiger Strategieliteratur haben keinen empirischen Gehalt. Sie behaupten, X habe Y Komponenten, ohne zu zeigen, warum gerade diese Komponenten — und nicht andere — die Realität abbilden. Ein Vier-Felder-Quadrant ist nicht klüger als ein Drei-Felder-Quadrant; er hat nur mehr Quadrate.
Zweitens: Viele Frameworks lassen sich nicht widerlegen. Sie sind so allgemein formuliert, dass jede beliebige Beobachtung in eines der Felder passt. Wo nichts widerlegt werden kann, kann auch nichts erklärt werden.
Drittens: Frameworks ersetzen häufig den eigentlichen Denkakt. Wer ein Framework auf einen Fall anwendet, hört in dem Moment auf, den Fall zu untersuchen, und beginnt, das Framework zu illustrieren. Die Methode hat den Gegenstand kolonisiert.
Was ein gutes Framework leistet
Es wäre einfach, an dieser Stelle in Methodenfeindlichkeit zu kippen. Das wäre falsch. Es gibt gute Frameworks — die doppelte Buchführung, das Periodensystem, der Drei-Akt-Aufbau, die SWOT-Analyse in ihrer ursprünglichen, sparsamen Fassung. Was unterscheidet sie?
Ein gutes Framework hat historische Tiefe: Es ist an konkreten Gegenständen entstanden, oft über Jahrzehnte, und nicht in einem Workshop in einer Woche. Es hat Trennschärfe: Seine Komponenten lassen sich klar voneinander unterscheiden, und es gibt einen Test, der zeigt, in welche Komponente ein Phänomen gehört. Es hat Beschränkung: Es behauptet nicht, alles zu erklären, sondern erklärt etwas Bestimmtes — und sagt zugleich, wofür es nicht zuständig ist. Schließlich ist es operativ folgenreich: Wer es anwendet, kommt zu einer anderen Handlung, als ohne es zu kommen wäre. Ein Framework, das nichts ändert, ist keines.
Empfehlung
Wir plädieren weder für Frameworks noch gegen sie, sondern für eine schlichte Disziplin: Wer ein Framework verwendet, schuldet seinen Leser:innen drei Antworten. Erstens, woher es kommt. Zweitens, was es nicht erklärt. Drittens, welche Handlung anders aussieht, wenn man es ernst nimmt. Wer diese drei Antworten nicht hat, sollte den Quadranten besser wegradieren und stattdessen den Gegenstand beobachten.
Im nächsten Heft prüfen wir an drei bekannten Frameworks der vergangenen Saison, ob sie ihre eigenen Tests bestehen. Vorab so viel: zwei der drei fallen durch.